Schwulen-Hasser oder Häftling: Wer wird der Präsident von Brasilien?

16.08.2018, 07:1916.08.2018, 07:57

Die politische Lage in Brasilien ist unübersichtlich: Der beliebteste Politiker des südamerikanischen Landes sitzt hinter Gittern.

  • Wegen Korruption verbüßt der frühere Präsident Luiz Inácio Lula da Silva (2003-2010) eine zwölfjährige Freiheitsstrafe. In der Polizeipräfektur von Curitiba empfängt er seine Gefolgsleute, schreibt und kommentiert das politische Geschehen.
  • Lula will noch einmal Präsident werden – so richtig eingreifen kann der prominenteste Häftling des Landes in den Wahlkampf aber nicht.
Lula bei einem Wahlkampfauftritt in São Paulo.
Lula bei einem Wahlkampfauftritt in São Paulo.
Bild: Paulo Whitaker/reuters

"Weil alle Umfragen zeigen, dass ich die Wahl im Oktober leicht gewinnen würde, versucht die extreme Rechte in Brasilien, mich aus dem Rennen zu nehmen", schrieb der Ex-Präsident in einem am Dienstag veröffentlichten Beitrag in der "New York Times".

Lula weiter:

"Wenn sie mich schlagen wollen, sollen sie es bei den Wahlen tun."

Trotz allem ließ sich seine linke Arbeiterpartei (PT) Lula am Mittwoch offiziell als Kandidat registrieren. Eine ganze Reihe linker Gruppen will die Bewerbung mit Großdemonstrationen unterstützen. "Wir werden politisch und juristisch für diese Kandidatur kämpfen", kündigte Parteichefin Gleisi Hoffmann an.

Gerade unter einfachen Leuten genießt der "Präsident der Armen" noch immer enormen Rückhalt. Er holte Millionen Brasilianer mit dem Programm "Fome Zero" (Null Hunger) aus der extremen Armut, stellte sich aber auch mit den Unternehmern gut.

Wie realistisch ist eine Kandidatur von Lula?
Wegen seiner Haftstrafe ist es allerdings unwahrscheinlich, dass Lula tatsächlich antreten darf. Ausgerechnet ein von ihm selbst eingebrachtes Gesetz verbieten die Kandidatur von Vorbestraften. Das Oberste Wahlgericht muss bis zum 17. September eine Entscheidung treffen.

Was wäre, wenn Lula nicht antritt?

Lulas Kandidatur ist der große Unsicherheitsfaktor bei der Wahl am 7. Oktober. Mit rund 30 Prozent in den jüngsten Umfragen ist er der mit Abstand beliebteste Bewerber. Kann er nicht antreten, dürfte ein Hauen und Stechen um die Stimmen seiner Anhänger beginnen.

Lulas Vize Fernando Haddad könnte von der Popularität seines Chefs profitieren.
Lulas Vize Fernando Haddad könnte von der Popularität seines Chefs profitieren.
Bild: RODOLFO BUHRER/reuters

Zwar könnte sein Vizekandidat Fernando Haddad sicherlich von der Lulas Popularität profitieren - ob wirklich alle Lula-Fans für die Kopie stimmen, wenn das Original nicht auf dem Wahlzettel steht, ist allerdings fraglich.

Zweitplatzierter in den Umfragen ist der ultrarechte Ex-Fallschirmjäger Jair Bolsonaro, der gegen Homosexuelle und Minderheiten hetzt und die Militärdiktatur (1964-1985) verherrlicht.

Kann schon die Pose: Jair Bolsonaro nennt man auch den "Trump Brasiliens".
Kann schon die Pose: Jair Bolsonaro nennt man auch den "Trump Brasiliens".
Bild: Paulo Lopes/imago

Bolsonaro, der "Trump Brasiliens", schockiert immer wieder mit Entgleisungen. Einer Politikerin bescheinigte er einmal, sie habe es nicht verdient, vergewaltigt zu werden, "weil sie sehr hässlich ist".

Ins Rennen geht auch die frühere Umweltministerin Marina Silva. Analysten bezweifeln jedoch, dass die farbige Politikerin sich in einer Stichwahl gegen den Widerstand der mächtigen Eliten durchsetzen könnte.

Marina Silva gilt vielen als Hoffnungsträgerin:

Bild: Andre Penner/AP

Ganz Brasilien steckt in einer schweren Krise. Vor einigen Jahren galt die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas noch als aufstrebende Regionalmacht, heute ist das Land ein Sorgenkind. Durch die jüngsten Korruptionsskandale ist fast die gesamte politische Klasse des Landes diskreditiert.

Nach einer schweren Rezession erholt sich die Wirtschaft nur langsam. Die Olympischen Spiele und die Fußballweltmeisterschaft sorgten nicht für den erhofften Aufschwung. Und die Spirale der Gewalt dreht sich immer weiter.

(pb/dpa)

Interview

"Wir werden eure Stimmen sein": Evakuierte Zarifa Ghafari will von Deutschland aus für Afghanistan kämpfen

Zarifa Ghafari weiß genau, wie gefährlich die Taliban sind. Die Afghanin, die noch bis vor kurzem Bürgermeisterin der afghanischen Provinzhauptstadt Maidan Shar war, überlebte drei Mordanschläge, ihr Vater wurde erst vergangenes Jahr getötet. Dennoch will die Politikerin und Frauenrechtlerin nun mit ihnen verhandeln, um eine Lösung für die Bevölkerung zu erörtern.

Der 29-Jährigen selbst gelang die Flucht aus Afghanistan noch vergangene Woche. Am Boden eines Autos zusammengekauert, passierte sie …

Artikel lesen
Link zum Artikel