Die "Kanal-1"-Redakteurin Marina Owssjannikowa spricht nach einer Anhörung vor dem Moskauer Bezirksgericht Ostankino mit Journalisten.
Die "Kanal-1"-Redakteurin Marina Owssjannikowa spricht nach einer Anhörung vor dem Moskauer Bezirksgericht Ostankino mit Journalisten.Bild: TASS / Mikhail Japaridze

Russische TV-Protestlerin: Putins Progapanda hat Bevölkerung "zombifiziert"

18.03.2022, 10:32

Die russische Journalistin Marina Owssjannikowa, die kürzlich eine Live-Nachrichtensendung unterbrach, um gegen den Krieg in der Ukraine zu protestieren, hat gegenüber der BBC gesagt, die russische Bevölkerung solle aufhören, den Staatsmedien zu vertrauen. Die Propaganda, die das Putin-Regime über die gleichgeschalteten Fernsehsendungen und Zeitungen verbreitet, habe die Russinnen und Russen "zombifiziert", so Owssjannikowa. "Ich verstehe, dass es sehr schwer ist alternative Informationen zu finden, aber man muss versuchen, danach zu suchen".

Die Russin betonte erneut, sie schäme sich, weil sie selbst jahrelang Redakteurin beim staatlich kontrollierten Sender "Kanal 1" war. "Ich fühle mich natürlich mitverantwortlich. Ich war ein gewöhnliches Rädchen in der Propagandamaschine. Bis zum letzten Moment habe ich nicht allzu viel darüber nachgedacht", sagte sie.

Owssjannikowa hatte am Montagabend in den Hauptnachrichten des russischen Staatsfernsehens ein Protestplakat gegen den Krieg in der Ukraine in die Kamera gehalten. Am Dienstag wurde sie zu einer Geldstrafe von umgerechnet 226 Euro verurteilt, weil sie in einem zuvor aufgenommenen Video zu Protesten gegen den Krieg von Kremlchef Wladimir Putin in der Ukraine aufgerufen habe. Ob es weitere juristische Konsequenzen zu ihrem Protest im Fernsehen gibt, blieb zunächst offen.

Der BBC berichtete Owssjannikowa auch von der Ablehnung, die ihr nach der Protestaktion entgegenkam. "Niemand glaubte, dass es meine persönliche Entscheidung war. Sie vermuteten, dass es sich um einen Konflikt am Arbeitsplatz handeln könnte, um Verwandte, die über die Ukraine verärgert waren, oder dass ich es für westliche Sonderdienste tat." Niemand habe glauben können, dass "ich so viele Einwände gegen die Regierung gehabt habe, dass ich nicht schweigen konnte", sagte die Russin.

Owssjannikowa will trotz Angst um ihre Sicherheit ihr Land nicht verlassen. "Wir werden in Russland bleiben", sagte sie in einem Interview mit dem "Spiegel" über sich und ihre beiden Kinder – sie hat einen 17 Jahre alten Sohn und eine 11 Jahre alte Tochter. Zwar mache sie sich große Sorgen, aber: "Ich bin Patriotin, mein Sohn (ist) ein noch viel größerer. Wir wollen auf keinen Fall weg, nirgendwo hin auswandern." Dabei wisse sie: "Mein Leben hat sich für immer verändert, das begreife ich erst langsam. Ich kann nicht mehr zurück in mein altes Leben."

(nik)

Ukraine-Krieg: Selenskyj verspricht Rückeroberung der Südukraine

Fast vier Monate sind seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine vergangen. Militärexperten warnen vor einem Abnutzungskrieg, dessen Ende nicht absehbar ist.

Zur Story