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Credit Suisse und Finma: Tweet soll Schuld an Krise sein

Die Credit Suisse im Hochhaus Hagenholzstrasse in Zürich-Oerlikon. Zürich, Schweiz, 18.03.2023
Jetzt ist es offiziell: Um die Credit Suisse zu retten, wird die Großbank von UBS aufgekauft.Bild: www.imago-images.de / Andreas Haas
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Credit-Suisse-Debakel und Social Media – mit diesem Tweet soll alles begonnen haben

Die Credit Suisse (CS) ist Geschichte. Den Todesstoß mit herbeigeführt haben sollen Gerüchte in den sozialen Medien, sind sich die Finma-Präsidentin und der CS-Präsident einig. Dafür werden sie kritisiert.
21.03.2023, 08:2021.03.2023, 08:21
Kilian Marti / watson.ch
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Die Selbsttäuschung beherrscht der Mensch noch sicherer als die Lüge, stellte der russische Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewski treffend fest. Im Drama um den Untergang der Credit Suisse (CS) spielten sie beide – Selbsttäuschung und Lüge – die Hauptrollen.

Gerüchte und Lügen in den sozialen Medien sollen definitiv die Todesglocken der Großbank eingeläutet haben. Darüber sind sich CS-Präsident Axel Lehmann und Marlene Amstad, Verwaltungsratspräsidentin der eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (Finma), einig. Beide führen dies an der Medienkonferenz des Schweizer Bundesrates am Sonntag aus.

Doch welche Rollen die zwei Akteure in diesem Stück selbst spielten, ließen sie außen vor – und täuschen sich damit selbst. Dabei gehören CS und Finma zu den großen Verlierern des historischen Wochenendes, wie auch die Nachrichtenagentur "Bloomberg" resümiert.

Gerüchte führten zu historischem Abfluss

Die Schweizer Aufsichtsbehörde ist weltweit die einzige, die seit der Finanzkrise den Kollaps einer systemrelevanten Bank mitansehen musste. Alles habe seinen Lauf genommen im vergangenen Herbst, erklärte die Finma-Präsidentin Marlene Amstad an der Medienkonferenz.

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Hat den Kollaps der CS beobachtet: Finma-Präsidentin Marlene Amstad.Bild: KEYSTONE / Peter Klaunzer

"Seit Oktober 2022 führten in den sozialen Medien ausgelöste Gerüchte zu massiven Abflüssen an Kundeneinlagen bei der CS", sagte Amstad. Die Bank habe in Bezug auf Kapital sowie Liquidität "trotzdem (!) stets die regulatorischen Mindestanforderungen" erfüllt – auch nachdem die Finma diese nach den Kapitalabflüssen erhöht habe.

Amstad hält fest, dass die CS darüber hinaus noch mehr Liquidität gehalten habe, als gefordert. Dadurch habe die Bank dafür gesorgt, dass sie die "historisch hohen Abflüsse absorbieren konnte".

Die Finma-Präsidentin betont: "Obwohl die Fundamentaldaten grundsätzlich in Ordnung waren, ging das Vertrauen immer mehr verloren." Die große Angst vor einer weiteren Finanzkrise verbunden mit den Gerüchten habe dann zu einer Negativspirale geführt, welche den Anfang des Endes der CS darstellte.

"Fass zum Überlaufen gebracht"

In das gleiche Horn bläst Axel Lehmann, bis dato Verwaltungsratspräsident der Credit-Suisse-Gruppe, als er an der Medienkonferenz gefragt wird, wer nun für das Desaster bei der CS verantwortlich sei.

Rückwärts zu schauen und den Finger irgendwo hinzuzeigen, sei "immer einfach", erklärte Lehmann. Die Bank sei eingeholt worden von Altlasten, unter anderem durch die Pleiten des US-Hedgefonds Archegos und der australischen Finanzgesellschaft Greensill. Diese hatten zu einem Milliardenverlust geführt. Der CS-Präsident stellte fest, dass trotz dieser Schlagzeilen die Kunden loyal zur Bank hielten. Bis zum vergangenen Herbst.

19.03.2023, Schweiz, Bern: Axel Lehmann, Pr�sident der Credit Suisse, spricht w�hrend einer Pressekonferenz. Die schwer angeschlagene Schweizer Gro�bank Credit Suisse wird vom gr��eren Lokalrivalen UB ...
Erklärt die Gründe der CS-Misere: Verwaltungsratspräsident Axel Lehmann.Bild: KEYSTONE / Peter Klaunzer

"Der Social Media (Shit-)Storm hatte enorme Auswirkungen. Zu viel kann plötzlich zu viel sein. Kumuliert mit all den Dingen, die sich über die Jahre aufgebaut haben, war das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat", sagte Axel Lehmann. Nicht unerwähnt ließ der CS-Chef an der Medienkonferenz, dass er die Rolle des Verwaltungsratspräsidenten erst vor einem Jahr übernommen habe.

"Zu viel kann plötzlich zu viel sein"
Axel Lehmann, CS-Präsident

Die Erklärungen seitens der Bank und Finma sorgen nun in den sozialen Medien für Reaktionen. Es sei eine Selbsttäuschung, die Schuld für den CS-Zerfall den Lügen und Gerüchten in den sozialen Medien zuzuschieben. Der Tenor lautet: von Selbstkritik keine Spur. Doch von welchen Gerüchten sprechen Finma und CS genau?

Wie das Ende seinen Anfang nahm

Den Anfang machte am 1. Oktober 2022 ein australischer Wirtschaftsjournalist. Auf Twitter postete er: "Eine vertrauenswürdige Quelle sagte mir, dass eine große internationale Investmentbank am Rande des Abgrunds steht." Obwohl der Tweet keinen Banknamen beinhaltete und danach wieder gelöscht wurde, fiel der Verdacht schnell auf die Credit Suisse. Die Info verbreitete sich wie ein Lauffeuer.

"Die Credit Suisse Investment Bank könnte dieses Wochenende zusammenbrechen" stand kurz darauf im Reddit-Forum "Wallstreetbets" mit 12.7 Millionen Followern, wie die NZZ schreibt. Der Beitrag wurde tausendfach gelikt. Nicht mehr zu stoppen war die Diskussion, nachdem jemand auf Twitter darauf hingewiesen hatte, dass der Nachname des CS-Präsidenten, Axel Lehmann, gleich sei wie der Name der US-Bank, welche 2008 die Finanzkrise auslöste: Lehman Brothers. Ein schlechtes Omen.

Daraufhin verbreiteten auch Medien und Finanzseiten die Gerüchte rund um "die CS, die am Abgrund steht". Die Großbank konnte danach nur noch Schadensbegrenzung betreiben, denn bei einigen Kundinnen und Kunden herrschte Panik. Neben einem vorübergehenden Einbruch des Aktienkurses um über 10 Prozent, geriet die Bank immer mehr ins Taumeln durch die massiven Liquiditätsabflüsse.

Nicht Gerüchte, sondern Managerversagen

Dass die Finma und die CS den Gerüchten in den sozialen Medien die Schuld an der Misere geben, wollen in den sozialen Medien viele nicht akzeptieren.

Die Aufsichtsbehörde nehme damit die Großbank nur in Schutz, schreibt jemand. Dass nicht Gerüchte, sondern Managerversagen der Grund sei, meinen andere.

Und die ehemalige Präsidentin der Grünen, Regula Rytz fasst zusammen: "Wenn 'Social-Media-Gerüchte' solche Verwüstungen anrichten und Staaten in Geiselhaft nehmen können, wie es der Bundesrat behauptet: Wäre es dann nicht klug, endlich die Sicherheitsmargen zu verzehnfachen?".

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