Ein Wandbild des russischen Präsidenten Wladimir Putin auf einem Gebäude in Kolomna, Russland.
Ein Wandbild des russischen Präsidenten Wladimir Putin auf einem Gebäude in Kolomna, Russland.Bild: www.imago-images.de / imago images
Analyse

"Sie haben uns alle hereingelegt": Putins Front im russischen TV bröckelt

Normalerweise steht Putin-Kritiker Boris Nadezhdin im russischen Staatsfernsehen mit seiner Meinung allein da. Aber diesmal nicht.
15.09.2022, 12:0115.09.2022, 12:04
Salome Woerlen / watson.ch
"Die Leute, die Putin davon überzeugt haben, dass die Spezialoperation schnell und effizient sei, dass wir die zivile Bevölkerung nicht angreifen würden, dass wir hineingehen und unsere nationale Garde [...] die Dinge regeln würde – diese Leute haben uns alle hereingelegt."

So beginnt ein Ausschnitt aus einer Talkshow, die am Samstagabend im russischen Staatsfernsehen ausgestrahlt worden war. Beim Sprechenden handelt es sich um Boris Nadezhdin, einen ehemaligen Duma-Abgeordneten aus dem liberalen oppositionellen Lager.

Er gibt in der Besetzung der russischen Talkshow meist den Skeptiker, der danach von den Putin-treuen Gästen verbal niedergerungen wird. Am Samstag war alles anders.

Doch von vorn.

Nadezhdin fährt fort: "Wir sind jetzt an einem Punkt, an dem wir verstehen müssen: Es ist absolut unmöglich, gegen die Ukraine zu gewinnen."

So wie Russland den Krieg führen wolle – mit den Ressourcen und den kolonialen Kriegsmethoden, mit Vertragssoldaten und Söldnern, ohne Mobilisierung –, sei die Ukraine nicht zu schlagen, so Nadezhdin. Dafür sei die ukrainische Armee zu stark:

"Die russische Armee steht einer starken Armee gegenüber, die wirtschaftlich und technologisch komplett von den mächtigsten Ländern unterstützt wird."

Er schlage Friedensgespräche vor, um den Krieg zu beenden und um zur Diskussion über politische Probleme übergehen zu können, so Nadezhdin.

"Sollte man also mit Verhandlungen beginnen?", hakt der eine Moderator direkt nach.

Bevor er antworten kann, fällt ihm Sergey Mironow ins Wort. Es werde keine Verhandlungen mit Selenskyjs "Nazi-Regime" geben, das System müsse zerstört werden, so der Duma-Abgeordnete ganz in Putin-Manier.

Auf einer Linie mit Putin: der Duma-Abgeordnete Sergey Mironow.
Auf einer Linie mit Putin: der Duma-Abgeordnete Sergey Mironow.Bild: www.imago-images.de / imago images

Mironow weiter: "Wladimir Wladimirowitsch [Putin] sagt: 'Wir haben noch nicht mal begonnen. Wir fangen an, wenn es nötig ist.'"

Da erhebt sich plötzlich die Stimme eines anderen Gastes: "Entschuldigen Sie, aber worauf warten wir?"

Olewitsch entlockt Mironow ein Eingeständnis

Es ist die Stimme von Viktor Olewitsch, einem Strategie-Experten. An Mironow gerichtet, fragt Olewitsch:

"Sie sagen, alles läuft nach Plan. Glaubt wirklich irgendjemand, dass wir vor sechs Monaten den Rückzug aus Balakliya und die Abwehr einer Gegenoffensive in Charkiv geplant hatten?"
Kontert in der Talkshow: Viktor Olewitsch.
Kontert in der Talkshow: Viktor Olewitsch.Bild: Screenshot / Russian Media Monitor / Youtube

Mironow beschwichtigt, tritt dabei aber tief ins Fettnäpfchen. Argumentierte er zuvor noch, dass Putin noch nicht mal angefangen habe, gesteht er die Rückschläge nun indirekt ein. Dabei wiederholt er inhaltlich ziemlich genau das, was Nadezhdin zu Beginn des Gespräches gesagt hatte:

"Wir dürfen nicht vergessen, dass wir gegen einen NATO-Block kämpfen. Wir kämpfen gegen eine gut vorbereitete Armee. Es ist eine ernstzunehmende Armee mit ernstzunehmenden Waffen."

Verärgerte Putin-Unterstützer

Da schaltet sich Alexander Kazakov ins Gespräch ein. Der Staatsduma-Abgeordnete wendet sich mit einer nicht so subtilen Drohung an Nadezhdin: Er solle auf seine Sprache aufpassen. Nur schon beiläufig über koloniale Kriege zu sprechen, sei in diesem Fall völlig inakzeptabel. Aufgebracht fragt er Nadezhdin:

"Denken Sie wirklich, dass wir einfach über die Grenze getrampelt sind, um ein Stück ihres [des ukrainischen] Territoriums abzubeißen?"
Alexander Kazakov ermahnt Nadezhdin: "Passen Sie auf, was sie sagen."
Alexander Kazakov ermahnt Nadezhdin: "Passen Sie auf, was sie sagen."Bild: Screenshot / Russian Media Monitor / Youtube

Der Ausschnitt endet mit einem verbalen Ausrutscher Kazakovs: Er bezeichnet den Krieg in der Ukraine tatsächlich als "Krieg" – und nicht als "Spezialoperation", was die Sprachregelung des Kreml vorsehen würde. Und dieser Krieg müsse unbedingt gewonnen werden.

Auf die Frage, wie lange das denn dauern würde, antwortet er gereizt: "Wie lange es auch dauern mag", worauf Nadezhdin gelassen antwortet: "Danke für Ihre ehrliche Antwort".

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