Bei einem Blick auf die Sitzverteilung nach den Ergebnissen der Bundestagswahl steht im Jahr 2025 bei der FDP eine große 0. Weil die Liberalen weder den Sprung über die 5-Prozent-Hürde, noch den Einzug über drei Direktmandate geschafft haben, darf kein einziger FDP-Politiker die nächste Legislatur im Bundestag erleben.
Während Christian Lindner noch am Wahlabend persönliche Konsequenzen zog und seinen Rücktritt aus der Politik verkündete, stehen andere vor dem Trümmerhaufen FDP. Die Partei steht einer Situation gegenüber, die auch ihr vollständiges Ende bedeuten könnte. Dennoch scheint ein Wort bei den freien Liberalen in der Nachbesprechung der Wahl zu dominieren, das schon Lindner am Sonntag nutzte: Dankbarkeit.
"Wenn morgen meine politische Laufbahn endet, dann scheide ich mit einem Gefühl nur: Dankbarkeit", hieß es in der Rede von Christian Lindner. "Ich empfinde hauptsächlich eine unglaubliche Dankbarkeit dafür, dass ich persönlich einen Unterschied machen durfte in der Politik", erklärt auch der FDP-Abgeordnete Julian Grünke gegenüber watson.
Seine Kollegin Gyde Jensen erwähnt im Gespräch mit watson sogar in puncto Dankbarkeit direkt den Parteichef. "Wir alle, mich eingeschlossen, haben davon profitiert, dass ein Christian Lindner unserer Partei diese Öffentlichkeitswirkung gegeben hat", stellt Jensen klar. Seit 2017 saß die 35-Jährige für die FDP im Bundestag, erlebte dort zwei Regierungsbündnisse mit und unter dem zuletzt umstrittenen Vorsitzenden.
"Natürlich war er eine herausragende Persönlichkeit, wie es aber auch andere in der Partei sind", sagt die 35-Jährige. Trotzdem habe Lindner die Hälfte seines Lebens für die Partei gegeben und dabei auch Persönliches zurückgestellt. "Deswegen bin ich Christian Lindner dankbar, dass er da sein Alles gegeben hat", erklärt Jensen auf Nachfrage von watson.
Der Blick auf die Wahlergebnisse allerdings zeigt, dass dieses Alles eben offensichtlich nicht gereicht hat. "Da kam bei uns schon Frust auf, weil in der Partei einfach ein wahnsinniger Wille da ist, das Vergangene nicht auf sich sitzen zu lassen", erklärt Julian Grünke, der wiederum erst seit vergangenem Herbst für die FDP im Bundestag saß und bei der Wahl am Sonntag erneut angetreten war.
Eine Neuaufstellung muss schnell kommen, das ist seit der verlorenen Wahl überall aus der Partei zu hören. Wie genau die aussehen werde, dazu will man sich bisweilen noch bedeckt halten. Als Nachfolger für den Parteichef-Posten werden aktuell Marie-Agnes Strack-Zimmermann und Wolfgang Kubicki gehandelt.
Fraglich bleibt jedoch auch dann, ob die Liberalen in Deutschland überhaupt noch einmal an die Spitze kämpfen können. Die Noch-Abgeordnete Gyde Jensen nämlich sieht einen klaren Grund für die schlechten Wahlergebnisse ihrer Partei:
Ihr zufolge dürfe der parteiliche Fokus auf den Einzelnen in der Gesellschaft auf keinen Fall verloren gehen. Stattdessen müsste die FDP ihre Zeit außerhalb des Parlaments nutzen, um zu unterstreichen, dass der Liberalismus spürbar fehle.
Retrospektiv ist das der Partei im Rahmen der vergangenen Regierung augenscheinlich nicht gelungen. "Wir konnten zu wenig rüberbringen, dass die Partei etwas anderes ist als die Ampel-Regierung und dass dort zu wenig FDP-Inhalte drinsteckten", bedauert auch Julian Grünke im Gespräch mit watson nach der Wahlniederlage. Jensen unterstreicht, dass auch im Wahlkampf die eigenen Punkte zu wenig erkennbar waren.
Allein 1,35 Millionen Wähler:innen verlor die FDP in diesem Jahr an die Union, weitere 890.000 Ex-FDP-Anhänger:innen entschieden sich für die in weiten Teilen rechtsextreme AfD. "Wir müssen ehrlich analysieren und uns jetzt fragen, ob die Gesellschaft unsere Überzeugungen und Angebote einfach gar nicht möchte?", stellt Jensen selbst in den Raum.
Dass der kommenden Regierung eine einfache Transformation gelingen wird, stellt sie allerdings ebenfalls infrage. "Politikwechsel, darunter verstehe ich ein systematisches Hinterfragen von Strukturen und Behörden. Das war unser Angebot als FDP, das war an vielen Stellen berechtigterweise radikal und disruptiv", sagt sie im Gespräch mit watson.
Gerade mit Blick auf die aktuellen Krisen brauche es solche radikalen Angebote aber ihr zufolge auch weiterhin. Vorerst darf die FDP diese aber nicht mehr in den Bundestag einbringen.