Im Angriffskrieg gegen die Ukraine greift Russland regelmäßig auf perfide Strategien zurück. Jüngstes Beispiel ist das Anwerben ukrainischer Jugendlicher für Sabotageakte. Ein Netzwerk russischer Agenten nutzt dafür Messenger-Dienste wie Telegram.
Erst nehmen sie Kontakt auf, pirschen sich ran. Sobald das Vertrauensverhältnis steht, folgen Aufgaben – von staatsfeindlichen Graffitis, über das Knipsen von Fotos bei potenziell militärischen Zielen bis zu Bombenanschlägen.
In den vergangenen anderthalb Jahren hat es Hunderte Verhaftungen wegen derlei Spionage- und Sabotageaktionen gegeben. Kiew ist alarmiert – und setzt sich nun zur Wehr. Einfach ist das aber nicht. Aus mehreren Gründen.
Da wären zunächst die Plattform, über welche die russischen Agenten Kontakt zu den ukrainischen Jugendlichen aufnehmen: Telegram. "Das ist eine der wichtigsten Kommunikationsmethoden von Cyberkriminellen", sagt Eric Clay, Marketingdirektor der in Montreal ansässigen Sicherheitsfirma Flare zur ukrainischen Nachrichtenplattform "Kyiv Independent".
Telegram ist auch in der Ukraine sehr beliebt. Laut einer Umfrage des Center for Insights in Survey Research aus dem vergangenen Jahr gaben 86 Prozent der Ukrainer:innen zwischen 16 und 35 Jahren an, den Dienst täglich zu nutzen – deutlich mehr als jede andere befragte Social-Media-Plattform.
Das Problem: Telegram muss niemandem Rechenschaft ablegen, die Transparenz ist mangelhaft. Jugendliche dürften die Abgeschiedenheit deshalb ebenso mögen wie russische Agenten. Ein Verbot zeichnet sich nicht ab, denn auch viele ukrainische Beamt:innen greifen auf den Dienst zurück.
Intransparenz hilft dabei, Menschen zu isolieren. Perfekte Bedingungen, um diese emotional zu bearbeiten. Und junge Menschen sind dafür häufig besonders empfänglich. Die russische Überzeugungsarbeit läuft dabei in drei Phasen ab, sagt der Leiter der Abteilung für Jugendprävention der ukrainischen Nationalpolizei, Wassyl Bohdan zu "Kyiv Independent".
"Anfangs gehen die Anwerber schrittweise vor", sagte Bohdan. "Zuerst stellen sie Kontakt her, demonstrieren Freundschaft, Unterstützung und Kommunikation, um die psychologische Barriere der Fremdheit zu überwinden." Der nächste Schritt könne eine wenig anspruchsvolle Aufgabe sein, zum Beispiel ein Gebäude fotografieren oder ein Graffiti malen, stets gegen Geld. Im Anschluss kann die Eskalation folgen.
Plötzlich sollen die Opfer Militärfahrzeuge oder sensible Gebäude in Brand stecken, Sprengstoffkomponenten kaufen oder Briefbomben ausliefern. Durch die harmloseren Aufgaben sind die Jugendlichen erpressbar, sie schlittern in eine Spirale, aus der sie ohne Hilfe nicht entkommen können.
Gerade aufgrund der emotionalen Einfallschleuse handele es sich aus verteidigungspolitischer Sicht um ein gesellschaftliches und psychologisches Problem, nicht um ein technisches, sagt die Expertin für Cyberpsychologie, Anna Collard, gegenüber "Kyiv Independent".
Insofern bestehen die Gegenmaßnahmen vor allem aus Aufklärungskampagnen. Ukrainische Beamt:innen sprechen mit Kindern in Klassenzimmern, in Sommercamps und online. Sie weisen auf Warnsignale hin und zeigen Möglichkeiten, mutmaßliche Rekrutierungsversuche zu melden.
Nationalpolizist Wassyl Bohdan betont, dass es nie zu spät sei, zur Polizei zu gehen. "Selbst wenn sie versuchen, Sie zu erpressen", sagte er, "kontaktieren Sie die Polizei, die Strafverfolgungsbehörden und die Sicherheitsdienste. Das ist bereits ein mildernder Umstand." Ein Telegram-Bot kann auch präventiv dabei helfen, Rekrutierungsversuche zu melden.
Zudem laden die Beamten Promis ein, als Vehikel für die Argumente. Der ukrainische Schwergewichtsboxchampion Oleksandr Usyk sollte etwa vor einer Gruppe von Schüler:innen sprechen. Die Hoffnung ist, dass die Kinder ihm aufmerksamer zuhören und seinen Rat an Freunde weitergeben würden.
Die Bemühungen tragen offenbar Früchte: Die Zahl der erfolgreichen Rekrutierungsversuche für Kinder sei im vergangenen Jahr "exponentiell" zurückgegangen, so Bohdan. Es gibt bereits 74 Fälle, in denen junge Menschen die Polizei über laufende Rekrutierungsversuche informiert haben.
Bleibt nur die Frage, ob und wann die russischen Agenten nicht alternative Strategien entwickeln. Unwahrscheinlich ist das schließlich nicht.