Erst gaben sich die Taliban gemäßigt, doch nach und nach schränkten sie Frauenrechte immer mehr ein. Mit jeder neuen Restriktion treiben sie Afghanistan weiter in eine düstere Vergangenheit, in der Frauen fast vollständig aus dem öffentlichen Leben verbannt waren.
Mädchen dürfen nach der sechsten Klasse keine Schule mehr besuchen, die Kleidervorschriften wurden verschärft, Frauen von Universitäten und zahlreichen Berufen ausgeschlossen. Öffentliche Parks und Fitnessstudios sind für sie tabu.
Zudem dürfen Frauen nur noch mit männlicher Begleitung reisen. Letztere Regel ist sogar noch verheerender, als sie im ersten Moment klingen mag.
Die strikte Vorschrift der Taliban, dass Frauen nur in männlicher Begleitung reisen dürfen, betrifft nämlich auch den Weg zu Ärzten oder zum Krankenhaus. Das führt dazu, dass viele Frauen viel zu spät oder gar nicht behandelt werden – was besonders in Notfällen wie Geburten tödliche Folgen haben kann.
In afghanischen Krankenhäusern berichteten dem "Guardian" Ärzte und Hebammen von Frauen, die in lebensbedrohlichem Zustand eingeliefert werden, weil sie zu lange auf eine Erlaubnis oder Begleitung warten mussten. "Viele sterben einfach, weil sie nicht rechtzeitig gebracht werden", sagte ein Arzt.
Eine Hebamme schilderte den Fall einer Frau, die nach einer Geburt in einem Taxi ins Krankenhaus kam – das Neugeborene war auf dem Weg dorthin erstickt. Die Mutter erklärte, sie habe nicht früher fahren können, weil ihr Mann nicht da war und kein anderer männlicher Verwandter zur Verfügung stand. Eine andere Frau berichtete:
Eine Ärztin sagte dem "Guardian", dass Frauen oft erst dann zum Arzt kommen, wenn ihre Schmerzen unerträglich geworden sind – mit häufig katastrophalen Folgen.
Und wenn sie sich hingegen trauen, ohne männliche Begleitung zu reisen, können die Taliban sie aufhalten und wichtige Zeit verschwenden.
So schilderte dem "Guardian" eine Frau von dem Tod ihrer hochschwangeren Tochter. Die beiden seien in der Nacht zusammen in einer Rikscha zu einem Krankenhaus gereist und wurden gleich dreimal von Taliban-Kontrollen aufgehalten.
Die werdende Großmutter flehte nach eigenen Angaben um eine Genehmigung, weiterzufahren, und erklärte: "Meine Tochter ist am Sterben." Doch zunächst wurde die Weiterfahrt unterbunden.
Zwar konnte sie die Patrouillen anschließend davon überzeugen, dass der Rikscha-Fahrer mit ihnen verwandt sei, die Kontrollen kosteten aber so viel Zeit, dass die schwangere Tochter und ihr Kind noch auf dem Weg ins Krankenhaus verstarben.
Das Ausmaß des Problems ist riesig. Laut WHO sterben in Afghanistan täglich 24 Mütter und 167 Neugeborene an Ursachen, die vermeidbar wären, wenn medizinische Versorgung rechtzeitig zugänglich wäre.
In dem Land lag die Müttersterblichkeit laut dem "Guardian" zwar schon vor der Machtübernahme der Taliban dreimal höher als der weltweite Durchschnitt, doch die Situation verschärft sich durch die Begleitungsregel dramatisch.
Die Vereinten Nationen prognostizieren gar, dass die Wahrscheinlichkeit für afghanische Frauen, während der Geburt zu sterben, bis 2026 um 50 Prozent steigen wird. Ein weiterer Grund dafür ist die Entscheidung der Taliban, Frauen den Zugang zu medizinischer Ausbildung – einschließlich der Hebammenausbildung – ab Dezember 2024 vollständig zu verwehren.