Lars Jan Verwaal und seine Kolleg:innen vom Kreisverband der Julis teilen in ihren Videos ordentlich aus – vor allem gegen Linke. Der FDP-Nachwuchs bekommt für ihren teilweise als cringe empfundenen Content aber auch viel Spott und Beleidigungen ab.
Trotz seines Alters bleibt Lars cool, sowohl bei der Wut, die ihm im Internet entgegenschlägt – als auch bei kritischen Fragen im Interview. Er erläutert, wie Parteien über Social Media junge Menschen erreichen, die Fehler und den Neuanfang der FDP und was sich die Liberalen von den Linken abschauen können.
watson: Lars, welches Meme zum Rausflug der FDP aus dem Bundestag schmerzte besonders?
Lars Jan Verwaal: Es gab ein Meme, wo der Drachenlord in seinem Audi sitzt und dazu hieß es: "Mehr Sitze als die FDP." Das hat mich schon hart getroffen.
Kannst du darüber denn lachen?
Auf jeden Fall. Das fand ich schon amüsant, das habe ich auch selber geliked.
Obwohl ihr nur ungefähr 1700 Follower:innen habt, erreichen eure Videos teilweise eine halbe Million Klicks. Wie erklärst du dir das?
Viele junge Menschen haben kein großes Interesse an politischen Inhalten, wenn sie einfach auf der Couch sitzen, doomscrollen und entspannen wollen. Um ihre Aufmerksamkeit nicht zu verlieren, muss man es irgendwie schaffen, mit Unterhaltung die politischen Inhalte zu vermitteln.
Wie macht ihr das?
Unsere Inhalte setzen viel auf Polarisierung. Ich glaube, das ist in der heutigen Zeit relativ wichtig. Unser Bundesverband oder auch die Jusos [SPD-Jugendverband] bei uns in Ulm machen das nicht so sehr. Bei denen stehen die Inhalte im Vordergrund, aber diese werden nicht an die jungen Menschen transportiert.
Hast du keine Sorge, dass die politische Tiefe verloren geht?
Hinter uns stecken natürlich nicht nur Reels. In den Storys kommen immer wieder Inhalte und wir haben auch den Bundesaccount verlinkt, der dann die tatsächlichen Inhalte und den Leitfaden der Jungen Liberalen zeigt. Ich glaube, dass langfristig viele Leute durch die Insta-Reels auf uns aufmerksam werden und sich dann mit den Inhalten der Jungen Liberalen befassen.
Dennoch teilt ihr streitbare Inhalte. Ich habe mich beispielsweise gefragt: Wer zwingt dich zum Gendern?
Ein ehemaliger Bundestagsabgeordneter hat mir letztens erzählt, dass einem Kollegen von ihm an seiner Uni in Baden-Württemberg Punkte in einer Klausur abgezogen wurden, weil er nicht gegendert hat. Was ich aber auch sagen möchte: Es kam wohl so rüber, als würden wir gegen das Gendern sein. Wir sind natürlich dafür, dass man Gendern darf, aber auch dafür, dass jeder generell so sprechen darf, wie er möchte.
In dem zugehörigen Video lautet eure Punchline quasi: "Lies mal einen Duden." Auch in anderen Videos zeigt ihr ganz schön viel Selbstironie. Ist cringe das neue cool?
Es ist eine harte Grenze zwischen Cringe und Coolness, insbesondere bei politischen Inhalten. Viele trauen sich nicht, auf Tiktok den unterhaltsamen Ansatz zu wählen, obwohl man etwa am Erfolg von Influencern sehen kann, dass er bei der Zielgruppe gut ankommt. Reine Infoposts hingegen erzielen oft nur wenige Aufrufe.
Wann hast du das letzte Mal bei einer Video-Idee aus dem Team gedacht: "Das mach' ich nicht, dann kann ich mich nie wieder in der Schule zeigen"?
Ich weiß nicht, ob du es schon gesehen hast, aber wir haben etwa auch ein Video, in dem wir in der Innenstadt schreien. Also die Hemmschwelle ist schon recht niedrig.
Nach dem FDP-Wahldesaster habt ihr ja vor allem um den Rückzug Christian Lindners getrauert. Hättet ihr ihn gerne zum Parteichef auf Lebenszeit gemacht?
Es gibt jetzt eine gute Chance für die FDP, sich personell neu aufzustellen. Natürlich soll es einen Vorsitzenden geben, aber gestützt auf ein starkes Team. Die Personenzuspitzung von Christian Lindner hat zwar funktioniert, wir sollten nun aber nicht mehr von einer Person abhängig sein.
Welche Fehler wurden im Wahlkampf noch gemacht?
Wir haben uns zu sehr als eine gelbe CDU präsentiert. Außerdem fand ich die Social-Media-Kampagne nicht so stark, der richtige liberale Vibe hat gefehlt. Jetzt muss es wieder mehr um die Zukunft gehen, es ist Zeit für einen Neuanfang.
Die FDP hat in den Bundestagswahlen zuvor unter anderem von der Attraktivität bei Jugendlichen gezehrt. Wie kommt man wieder dorthin?
Die FDP muss wieder die Stimme für Jugendgerechtigkeit werden, statt nur zu versuchen, Rentner von der CDU zu bekommen. Wir müssen auf Generationsgerechtigkeit, gesellschaftliche Freiheit und Technologieoffenheit setzen. Und letzteres heißt nicht einfach nur, das Verbrennerauto zu unterstützen.
Wie soll das Team aussehen, auf das du nach Lindners Rückzug deine Hoffnungen setzt?
Zunächst ist Christian Dürr der richtige Mann zur richtigen Zeit zusammen im Team mit Wolfgang Kubicki und Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Mittelfristig sollte Dürr die Partei dann aber an eine neue Person abgeben, eine Art "Heidi 2.0", die auf Social Media bekannt ist. Die müsste aber weiterhin durch ein starkes Team gestützt werden.
Eine Heidi Reichinnek 2.0? Also könnt ihr euch von erfolgreichen Parteien auf Tiktok wie der Linken oder der AfD was abschauen?
Inhaltlich nicht, bei der Art der Präsentation aber ja. Sie polarisieren und machen die Jugend auf politische Inhalte aufmerksam. Das aber mit populistischen rechten und linken Inhalten. Wir müssten die Werte der demokratischen Mitte ähnlich präsentieren.
Auf welches Meme können wir uns dann nach der Bundestagswahl 2029 freuen?
Dann sind wir wahrscheinlich zweistellig und machen ein Video mit: "Wie die Linken damals geschaut haben, als die FDP 4,3 Prozent hatte – und jetzt mit 20,5 Prozent." (lacht)