Bodo Ramelow versucht es mal wieder. Nachdem der Linken-Politiker 2019 mit dem Wunsch nach einer neuen Nationalhymne am konservativen Widerstand zerschellte, startet er jetzt einen zweiten Anlauf. Mit dem Text ist er weiterhin unzufrieden, der ist ihm zu westdeutsch.
Er will etwas für alle, eine Einlaufmusik für ein wiedervereinigtes Deutschland. Immerhin müssen alle Fans mitsingen können, wenn ihre Nation in Wettbewerben zum Kampf antritt. Internationale Sportveranstaltungen zehren von der Tradition, vielleicht folgen demnächst noch große Regierungsschlachten, zum Beispiel Zollverhandlungen.
Statt aber weiterhin die dritte Strophe des Deutschlandlieds zu trällern, wünscht sich Ramelow einen neuen Hit zum Erspüren des nationalen Geists: Bertolt Brechts Kinderhymne. Der anti-nationalistische, antifaschistische und pazifistische Gegenentwurf zu Fallerslebens Werk. Die Schnappatmung aus den Unionszentralen ließe sich doch gleich als Adlib einspielen – für die Spotify-Version.
Ramelows Auswahl ist für Linke natürlich super, also aus Marketinggründen. Dass es zur Hymnenfrage eine Volksabstimmung geben soll, sorgt für den Feinschliff seiner Imagepolitur. Gestern kämpfte er noch für den staatlichen Zwang in Form eines sozialen Pflichtjahrs (mit Bundeswehr-Option), heute für das Volk als Souverän.
Es riecht verdächtig nach Opportunismus – mit ein bisschen SPD-Kopfnote.
Ramelow ist auf seine Art eine Brecht-Figur, etwa "Der gute Mensch von Sezuan". Mal Konservativer, mal Sozialist und ganz den realen Widrigkeiten des politischen Wettbewerbs unterworfen. Wenn er aber schon sein rotes Kostüm aus reiner Symbolik knüpft, warum wählt er dafür nicht einen härteren Stoff?
Es gibt so einige Symbol-Maßnahmen, die ebenso wenig Zustimmung erfahren, dafür aber ausreichend Wellen schlagen, um innerparteiliche Wogen zu glätten. Zum Beispiel könnte er das Lied der "Mutter Courage" bei Rüstungsdeals abspielen.
Und geht er über deine Kräfte /
Bist du beim Sieg halt nicht dabei.
Der Krieg ist nix als die Geschäfte /
Und statt mit Käse ists mit Blei.
Alternativ könnte er auch einfach ein Konterfeit statt einer Hymne empfehlen. Angelehnt an Brechts "Flüchtlingsgespräche" könnte darauf stehen:
"Das Vaterland ist, wo man nicht friert und satt wird!"
Eine materialistische Perspektive auf Nationalstaatlichkeit. Ehrlichkeit ist doch immer was Feines. Natürlich könnte er auch "Seeräuber-Jenny" beim nächsten Staatsbankett spielen.
Wo wir schon bei der "Dreigroschenoper" sind: "Erst kommt das Fressen, dann die Moral" eignet sich wunderbar als Münzprägung. Mit jedem Wurf in einen Becher, den uns eine armutsbetroffene Person hinhält, könnten wir so ein kleines sozialkritisches Statement abgeben.
Ramelow ist schließlich blind. Blind für den Widerspruch zwischen Nationalhymnen und Brechts internationalistischem Gegenentwurf; blind für den Widerspruch zwischen seiner Haltung zur Wehrpflicht und dem pazifistischen Ansatz seiner Partei; blind für den Widerspruch zwischen seinem sozialistischen Selbstanspruch und seiner Position zum Schutz von Eigentum.
Bei so viel Blindheit ist es doch ein Leichtes, Brecht für weitere widersprüchliche Maßnahmen zu gebrauchen.
Ja, Brecht eignet sich immer gut, um Linke auch wirklich links wirken zu lassen. Er selbst hätte das wahrscheinlich nicht allzu gut gefunden. Dafür ist Ramelow zu sehr Reformist, ohne wirkliche politische Vision. Ein Bollwerk gegen jeden revolutionären Eifer. Die Linke kommt damit aber offensichtlich gut klar. Hat sie ihn doch zum Bundestags-Vizepräsidenten auserkoren.
Seinen Symbolvorschlag wird sie wahrscheinlich auch ganz dufte finden. Aber wir müssen ja nicht alles schlecht machen. Einen Versuch ist seine neue Hymne wert. Wir können es ja gemeinsam probieren – also Hand aufs Herz und losgeschmettert, liebes Staatsvolk!