In den abgeschotteten Staaten dieser Welt lassen sich Spuren von Modernität oft nur erahnen – durch Bilder aus der Ferne, durch Erzählungen von Diplomat:innen, durch offizielle Propaganda. Wer tatsächlich einmal hinter die Mauern blickt, sieht meist weniger den Alltag der Menschen als vielmehr das Bild, das die Machthaber von ihrem Land zeichnen wollen. So entsteht ein Zerrspiegel, in dem Realität und Inszenierung kaum voneinander zu trennen sind.
Nordkorea ist seit Jahrzehnten Meister dieser Kunst. Von außen erscheint es als graues Reich der Disziplin, von innen ist das Land nur wenigen zugänglich. Doch die wenigen Tourist:innen, die derzeit Einlass erhalten, liefern Momentaufnahmen einer neuen Strategie des Regimes: Es kleidet sich in das Gewand westlichen Konsums, um Modernität vorzutäuschen. Und um dringend benötigte Devisen ins Land zu holen.
In Pjöngjang schlürfen Eliten Kaffee in einem Café, das frappierend an Starbucks erinnert. Das Lokal heißt "Mirai Reserve", das Logo imitiert das Premiumlabel Starbucks Reserve, nur ersetzt ein stilisiertes M den Stern. Ein chinesischer Student, der in der Hauptstadt Sprachkurse besucht, schildert der "New York Times": "Ich war besorgt, nicht genug Essen oder warme Kleidung zu haben. Aber als ich ankam, fand ich es ziemlich luxuriös."
Er und seine Kommilitonen sprechen von einem Einkaufszentrum, das sie "Nordkoreanisches Ikea" nennen, weil Aufmachung und Sortiment frappierend an das schwedische Vorbild erinnern.
Ob es sich um Plagiate handelt oder um geschmuggelte Originale, bleibt unklar. Lampen und Schirme tragen teils dieselben Namen und Verpackungen wie in europäischen Möbelhäusern. Konzernsprecher Jakob Holmström sagte gegenüber der Zeitung, man habe "keine autorisierten Ikea-Vertriebskanäle in Nordkorea". Man überwache Verstöße kontinuierlich. Auch Starbucks betonte, keinerlei Filiale in Pjöngjang zu betreiben.
Die neue Konsumwelt richtet sich nicht an die breite, überwiegend arme Bevölkerung, sondern an die kleine Schicht von Eliten. Sie haben durch Auslandsreisen Geschmack an westlichen Waren gewonnen und verfügen über Devisen.
Kim Jong-un versucht, dieses private Kapital zurück in staatliche Bahnen zu lenken. Ein russischer Tourist, ein schwedischer Marathonläufer und eben jener chinesische Student liefern Videomaterial, das der "New York Times" vorliegt: Bilder von vollen Regalen mit importierten Salamis, von Beauty-Produkten und von Menschen, die per QR-Code auf dem Markt bezahlen.
Noch deutlicher zeigt sich die Inszenierung am Meer. In diesem Sommer eröffnete Kim Jong-un das Wonsan-Kalma-Resort, in südkoreanischen Medien bereits "Nordkoreas Waikiki" genannt. Hotels reihen sich entlang eines 2,5 Kilometer langen Strandes, dazu ein Wasserpark mit bunten Rutschen.
"Es sieht aus wie ein Bild, das für dich gemalt wurde", sagt Daria Zubkova, eine 35-jährige Tierärztin aus St. Petersburg, die rund 1400 Dollar für eine Woche zahlte. Mit anderen russischen Touristen jagte sie auf Jetskis über die Bucht, grillte Fleisch und Sashimi und trank Bier aus den USA, Japan und China. "Ich fühlte mich wie ein Held in einem Film, weil alle dich beobachten und dir sofort jeden Wunsch erfüllen."
Tourismus gilt als einer der wenigen nicht sanktionierten Sektoren. "Nordkorea hat Tourismus als Mehrzweckindustrie betrachtet, die Devisen bringt, Arbeitsplätze schafft, den Binnenkonsum anregt und das nationale Image verbessert", erklärt Choi Eun-ju vom Sejong-Institut in Seoul der "New York Times".
Doch jede Öffnung birgt Risiken. "Die Förderung des Tourismus stellt Nordkorea vor ein Dilemma: den Ausgleich zwischen Offenheit und Kontrolle", schreiben Hwang Joo Hee und Na Yongwoo vom Korea Institute for National Unification. Denn mit jedem Besucher gelangen auch Informationen ins Land – und wieder hinaus.