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In Indien werden Menschen wegen gefälschter Entführungsvideos totgeprügelt

12.06.2018, 19:22

In Indien sind vor kurzem 16 Menschen verhaftet worden, weil sie gemeinschaftlich zwei Männer zu Tode geprügelt haben sollen.

Die Männer waren im nordöstlichen Bundesstaat Assam mit dem Auto unterwegs und hielten an, um nach dem Weg zu fragen. Eine große Gruppe soll sie dann aus dem Wagen gezogen und zu Tode geprügelt haben.

Die Opfer hießen Nilotpal Das (29) – ein Audio Engineer – und Abijeet Nath (30) – ein Digitalkünstler. Beide wohnten in Guwahati, der größten Stadt in Assam. Ein Video von dem Mordfall ist viral gegangen, Studenten und Aktivisten in Guwahati sollen daraufhin auf die Straße gegangen sein, um gegen die Tötungen zu protestieren.

Was hat ein WhatsApp-Video damit zu tun?

Laut Berichten der BBC soll der Auslöser für den Vorfall ein Video sein, das momentan in Indien über Whatsapp verbreitet wird.

Das Video zeigt, wie zwei Männer auf Motorrädern in eine Gruppe von Kindern fahren, ein Kind packen und mit ihm davon fahren. Der kurze Film verbreitete sich mit Warnungen, dass Entführer in die Stadt kommen würden, um Kinder zu entführen.

Die Szene ist allerdings nicht echt. Sie stammt aus einem Film, der in Pakistan produziert wurde und der auf die Sicherheit von Kindern aufmerksam machen soll. 

In der Version, die sich auf Whatsapp verbreitet, ist der letzte Part des Films aber anscheinend rausgeschnitten. Er ist jedoch entscheidend, denn er zeigt einen Mann, der ein Schild hochhält und die Situation erklärt.

Die Panik vor Kindesentführern schlug schnell von Whatsapp auf regionale Medien über und verlieh dem Video noch mehr Wucht und (falsche) Glaubwürdigkeit.

Inzwischen scheinen Bürger in manchen Orten Fremden gegenüber etwa schon aggressiv zu werden, wenn diese eine andere Sprache sprechen.

Was tut die Polizei dagegen?

Polizisten versuchen anscheinend landesweit zu verhindern, dass sich die Falsch-Meldungen und Videos weiter verbreiten.

Die Polizei in Assam versuche etwa laut BBC gegen die Gerüchte vorzugehen, indem sie verschiedene Soziale Medien beobachtet. Andere offizielle Stellen würden Menschen davor warnen, Nachrichten Glauben zu schenken, die mit Kindesentführung in Verbindung stünden.

In der Stadt Hyderabad im Bundesstaat Telangana, südlich von Assam lief die Polizei offenbar mit Bewohnern durch die Straßen und ließ über Lautsprecher "Glaubt den Gerüchten nicht" ausrufen.

Im südlichen Bundesstaat Tamil Nadu, in dem sich offenbar eine Reihe von gewalttätigen Vorfällen gehäuft hat, veranstalten die Beamten so genannte "awareness drives", um gegen die Gerüchte anzukommen.

Gibt es noch weitere solcher Fälle?

Anscheinend.

Laut BBC sollen sechs weitere Gewaltvorfälle in Indien in Verbindung zu Falschmeldungen stehen, die über Whatsapp geteilt wurden. Wie genau die einzelnen Vorfälle oder Tötungen mit jeweiligen Gerüchten zusammenhängen, ist unklar.

  • Im April soll ein Mann in Tamil Nadu zu Tode geprügelt worden sein, nachdem er ziellos durch die Straßen gewandert war.

Allein im Mai sollen die folgenden Gewalttaten mit via Whatsapp verbreiteten Gerüchten in Verbindung stehen:

  • Ein Mann im südlichen Bundesstaat Andhra Pradesh soll gelyncht worden sein, weil er die offizielle Landessprache Hindi und nicht die Lokalsprache Telugu sprach.
  • Eine 55-Jährige Frau soll in Tamil Nadu dafür gelyncht worden sein, Kindern Süßigkeiten gegeben zu haben.
  • Ein Mann im Staat Telangana soll von einem Mob gelyncht worden sein, weil er sich nachts einen Mangohain betreten hat.
  • Ein anderer Mann soll gelyncht worden sein, als er in einem Ort in Telangana er seine Verwandten besuchen wollte.
  • Eine Transgender-Frau soll in Hyderabad gelyncht worden sein.
  • Ein Mann in der Stadt Bangalore, der kürzlich dorthin gezogen war, soll mit Seilen gefesselt und mit Cricket-Schlägern zu Tode geschlagen worden sein.

Im Juni kommen nun noch der Tod von Nilotpal Das und Abijeet Nath aus Assam hinzu.

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