Donata Vogtschmidt trägt ein weißes Jackett mit Schulterpolstern, neben ihr steht der nunmehr ehemalige Thüringer Landesvater Bodo Ramelow mit Hippie-Brille. Zum Wahlkampf in Thüringen im vergangenen Jahr haben sie, gemeinsam mit Vogtschmidts Band, ein Cover des 80er Jahre Hits "DA DA DA" gesungen. Das Video ging viral.
2021 ist Vogtschmidt mit 23 Jahren als jüngste Abgeordnete in den Thüringer Landtag nachgezogen. Nun wurde sie erstmals für Die Linke in den Bundestag gewählt. Wir duzen uns. Dass sie die ältere sei, sagt sie, das habe sie auch nicht oft.
Watson: Donata, warum sollte man Frontfrau einer Band sein, wenn man Politik machen möchte?
Donata Vogtschmidt: Weil man wissen sollte, wie laut man in ein Mikro seine Meinung hineintönen kann. Und weil Musik eine sehr starke Form der Sprache ist, die viele Leute emotionalisiert. Vielleicht auch, weil Politik manchmal eine kleine Bühne ist, auf der man versteht, wie sich andere Leute verhalten.
Lars Klingbeil hatte mal eine Punkrock-Band. Vielleicht gibt es da ja ein Feature.
Yeah. Wobei, ich weiß nicht, wie authentisch Lars Klingbeil aktuell noch Punkrock vertreten kann.
Hast du schon einen Rat bekommen, wie es im Bundestag im Vergleich zum Landtag abläuft?
Der Thüringer Landtag war im Vergleich zum Bundestag überschaubar. Ich habe den Rat bekommen: Wenn du nicht weißt, wo du bist, ruf an, und jemand holt dich ab.
Wenn du nur eine Sache in der kommenden Legislatur ändern könntest, was wäre es?
Ich wäre schon sehr froh, wenn ich nur eine Person überzeugen kann, dass auch junge Leute ihre Daseinsberechtigung in der Politik haben und dass es völlig egal ist, wie alt man ist oder wie man aussieht.
Wirst du noch belächelt?
Definitiv, gerade als junge Frau. Ich habe letztens auch den schönen Kommentar "Mehr Piercings als Berufsjahre" bekommen, wo ich mir dachte: "Digga, weißt du, wie viel ich in der Woche arbeite?" Da gehen die Vorstellungen von politischer Arbeit weit aneinander vorbei.
Annalena Baerbock hat im Podcast von Stefanie Giesinger erzählt, dass sie als junge Abgeordnete auch davon profitieren konnte, nicht ernst genommen zu werden. Hast du die Erfahrung auch gemacht?
Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich durch mein Alter eine andere Brücke schlagen kann. Wenn die Vorurteile sehr groß sind, kann es sein, dass umso schneller das Eis gebrochen wird und man kumpelig miteinander redet. Ich denke, das liegt daran, dass mich die Leute zu Beginn nicht ganz ernst nehmen.
Was würdest du jungen Menschen sagen, die überlegen, in die Politik zu gehen?
Nicht beirren lassen und einfach machen. Sich auch keine Gedanken über vermeintlich mangelnde Lebenserfahrung machen. Es gibt genug ältere Menschen, die weniger erlebt haben als beispielsweise manche geflüchtete Person, die 19 ist.
Gab es einen Moment, der dich politisch geprägt hat?
Ich habe mein Abi in Eisenach gemacht und zu meiner Schulzeit wurde die NPD-Landeszentrale nach Eisenach verlegt. Da habe ich mich schon als Schülerin gegen rechts engagiert. Mit 16 bin ich dann Schulsprecherin geworden, in der Uni war ich hochschulpolitisch aktiv. Auch die Enttarnung des NSU in Eisenach war ein prägendes Erlebnis für mich.
Was lernt man als Schulsprecherin für die Politik?
Keine Angst vor Hierarchien haben. Am Anfang hatte ich viel Ehrfurcht vor den "großen Politiker:innen". Das sind aber auch nur Menschen, die ihre Arbeit machen wollen.
Wenn eine Person auf dich zugeht und sagt, sie möchte die AfD wählen – was antwortest du?
Das Hauptargument ist immer die Migrationsdebatte. Sie stören sich daran, dass migrantische Personen auf dem Marktplatz sitzen und nicht arbeiten. Dann sage ich: "Das ist nicht das Problem der migrantischen Personen, die vor dem Krieg geflüchtet sind. Sie würden doch auch mit Ihrer Familie fliehen." Da stimmen viele zu. Und ich sage, dass es ein bürokratisches Problem ist, wenn Menschen sechs Monate in einer Erstaufnahmeeinrichtung sitzen, auf den Deutschkurs warten und eigentlich arbeiten gehen wollen. Das verstehen die Leute, weil sie sagen, ja, stimmt, den bürokratischen Aufwand merke ich auch, wenn ich einen Personalausweis beantrage. Da hatte ich schon sehr gute Gespräche, in denen ich das Gefühl hatte, die Menschen erreichen zu können.
Was hättest du gern früher über politisches Arbeiten gewusst?
Dass manche Sachen deutlich länger dauern als man es sich wünscht. Als Minderheitsregierung in Thüringen gab es eine Sitzung zu den Haushaltsverhandlungen mit der CDU, bei der wir uns anderthalb Stunden über einen Satz unterhalten haben und wie da das Komma geregelt wird.
In Thüringen hast du eng mit Bodo Ramelow gearbeitet. Was konntest du von ihm lernen?
Bodo ist einer der charismatischsten Menschen, die ich kenne. Er hat einen wahnsinnig tollen Zugang zu Personen.
Und er von dir?
Einen anderen Zugang zu der jüngeren Generation. Am Anfang hat er sich an Tiktok, Instagram und Videosdrehen nicht so herangetraut.
Hast du politische Überzeugungen, die dein 16-jähriges Ich als spießig bezeichnet hätte?
Ich glaube, mein 16-jähriges Ich hätte es als spießig empfunden, dass ich jetzt öfter mal Anzug oder Blazer trage und darauf achte, dass meine Schuhe sauber sind. Mittlerweile finde ich es wichtiger, sich ordentlich anzuziehen und der Würde des Hauses zu entsprechen.
Der Publizist und Autor Michel Friedman meinte lange bevor er aus der CDU ausgetreten ist, dass er zu 51 Prozent mit den Werten der Partei übereinstimme. Wie ist das bei dir?
100 Prozent wäre unauthentisch. Vielleicht 92 Prozent.
Wo haderst du?
Ich hadere damit, dass es keine geeinte Sprechweise für die Friedenspolitik gibt. Klar, wir sind eine pluralistische Partei und alle Meinungen haben ihre Daseinsberechtigung. Aber manche Ansätze sind einfach sehr gegensätzlich.
80 Prozent der Linkenwähler:innen sind dafür, dass die Ukraine stärker unterstützt wird. Die Ukraine sagt auch sehr entschieden, dass sie Waffen braucht.
Es ist ein Unterschied, wenn sich der Staat irgendwie aufrüstet oder ein Land so unterstützt wird, dass es sich bei einem völkerrechtswidrigen Angriff selbst verteidigen kann. Bei der Ukraine würde ich sagen: Unterstützung auf jeden Fall, aber immer zuerst in Form von vor allem humanitärer und diplomatischer Hilfe. Gleichzeitig lässt es sich nicht übersehen, dass es auch in Deutschland eine Vielzahl von Kräften gibt, die sich in Bezug auf die Unterstützung der Ukraine vor allem über volle Kassen bei den deutschen Rüstungskonzernen und deren Aktionär:innen freuen.
Braucht es einen linken Populismus?
Populismus ist für mich erstmal nicht per se schlecht. Weil es bedeutet, dass man etwas mal kurz und prägnant auf den Punkt bringt. Ich glaube, das ist wichtig, um auch mal Nahbarkeit herzustellen. Aber natürlich möchte ich nicht zu bloßem Populismus aufrufen, da müssen auch Lösungen dahinterstehen. Vor allem aber dürfen in der Politik nicht Gruppen gegeneinander ausgespielt werden, was populistische Akteur:innen jedoch oftmals tun.
Gibt es einen Moment, an dem du mit der Politik aufhören würdest?
Für mich ist jetzt schon klar, dass ich nicht die nächsten Jahrzehnte Berufspolitikerin sein möchte. Weil man sich dann verkämpft oder in eine politische Routine reinkommt, die einen vielleicht für die alltäglichen Probleme der Mitbürger:innen desensibilisiert. Da habe ich gar keine Lust drauf.
Grüßt du Friedrich Merz, wenn du ihn im Bundestag siehst?
(lange Pause) Gemessen an seinem jüngsten politischen Agieren erstmal nicht.
Du hast lange überlegt.
Weil ich mich gefragt habe, ob man sich überhaupt über den Weg läuft. Es sind ja auch unterschiedliche Eingänge im Plenarsaal. Ich weiß auch nicht, ob er zurückgrüßen oder mit einem Hufeisen winken würde.