Der moderne Mensch neigt ja zu dem masochistischen Reflex, jeden klaren Gedanken im Keim zu ersticken, indem er nach dem Aufstehen erst einmal reflexhaft nach seinem Handy greift. So nestelt man also im geistigen Halbdunkeln nach der Büchse der Pandora und möchte sich am liebsten gleich wieder hinlegen.
Was einem ins Gesicht springt: Trump erhebt Zölle "gegen die ganze Welt", die EU und China kündigen Gegenmaßnahmen an, Trump verkauft jetzt Teslas, Trump ernennt ein windiges Opossum zum Wirtschaftsminister, Moment, stimmt gar nicht, Trump will Grönland, den Panamakanal und Kanada einnehmen. Ich bin seit 30 Sekunden wach.
Sich morgens durch die Eilmeldungen und Push-Nachrichten der Nacht zu kämpfen, fühlt sich an, als trete man im Hochsommer aus dem unterkühlten Supermarkt auf die Straße, wo einem mit voller Wucht ein Hitzeschwall ins Gesicht klatscht. Immer und immer und immer wieder. Während einer Rede von Trump hielt die Kongressabgeordnete Melanie Stansbury vor Kurzem stoisch ein Schild in die Kamera. Darauf stand: "Das ist nicht normal."
Es ist nicht leicht, dieser Tage nicht wahnsinnig zu werden. Noch schwieriger ist es, den ganzen Wahnsinn auch zu verfolgen, geschweige denn zu verstehen. In dem Zeitraum, in dem ich angefangen habe, diesen Text zu schreiben, ist bereits ein neuer trumpscher Nachrichtenzyklus wie ein Gewitter über den Globus gezogen. Wie soll man damit umgehen?
Man könnte sich einreden, dass das alles irgendwann vorbeigeht. Oder man macht es wie Søren Kierkegaard, der schon vor 200 Jahren merkte, dass Weltgeschehen und seelische Unversehrtheit oft nicht zusammenpassen.
"Nein, Politik ist nicht meine Sache; in diesen Zeiten mit der Politik mitzukommen, auch nur mit der inneren, ist mir gelinde gesagt eine Unmöglichkeit", schrieb Kierkegaard 1848, zur Zeit der Märzrevolution, an seinen Neffen Henrik Lund. "Mir dreht sich alles im Kopf, gewiss auch, weil ich zu wenig weiß. Politik ist mir zu viel."
Er verteidigte das Recht, von dem vermaledeiten Weltgeschehen in Ruhe gelassen zu werden und sich mit sich selbst zu beschäftigen. "Ich liebe es", schrieb Kierkegaard, "meine Aufmerksamkeit auf das Geringe zu konzentrieren, wo man bisweilen genau dasselbe beobachten kann."
Aber anders als im herrlich analogen Revolutionsjahr 1848 ist es dieser Tage nicht so leicht, sich dem Nachrichtensog zu entziehen. Nicht zuletzt, weil dahinter Kalkül steckt. Der einstige Trump-Stratege Steve Bannon bezeichnete die Medientaktik schon 2019 als "flood the zone with shit": Die Masse an Dekreten, Aussagen, Forderungen und Initiativen soll gezielt Reizüberflutung auslösen. Das Ziel: Ablenkung und Überforderung.
Es hilft, wenn man sich das einmal bewusst macht. Nicht jede Nachricht ist eine Nachricht, sondern manchmal, nun ja, Scheiße. Dazwischen zu unterscheiden, das ist eine Aufgabe, vor der vor allem der Journalismus steht. Als Privatperson aber kann man sich das Recht herausnehmen, davon auch mal unbehelligt zu bleiben, wenn man merkt, dass es einem die Füße unter dem Boden wegzieht. Man sollte es sogar. Zumindest für einen gewissen Zeitraum.
Wer in der Flut an Pushnachrichten die Orientierung verliert, wird irgendwann mürbe. Man kann sich nicht mehr auf die wichtigen Dinge konzentrieren. Zum Beispiel auf die eigene Psychohygiene. So gesehen ist Eskapismus ein Akt des politischen Widerstands. Wer sich eine Auszeit vom Nachrichtengeschehen nimmt, tut sich nicht nur etwas Gutes. Man durchkreuzt auch die Pläne von Donald Trump.
Wenn nun also Søren Kierkegaard vor knapp 200 Jahren schon von einem Gefühl geschrieben hat, das nichts an Aktualität eingebüßt hat, stehen die Chancen gut, dass es mehreren Menschen aktuell so geht.
Luisa Neubauer hat 2022 gemeinsam mit ihrer Großmutter das Buch "Gegen die Ohnmacht" geschrieben. Darin beschreibt sie unter anderem, wie sie sich aus dem Gefühl der Hilflosigkeit mit anderen zusammengetan hat, denen es ähnlich ging. Daraus ist der deutsche Ableger von "Fridays for Future" entstanden.
Man kann sich mit anderen Menschen zusammentun, denen es ähnlich geht. Manche schreiben wütende Leserbriefe, andere machen Yoga, wieder andere gehen auf die Straße und halten ein Pappschild in die Höhe. Alles legitime Methoden, um sich nicht vollständig vom Irrsinn auffressen zu lassen.
Das Tröstende an beispielsweise Demos ist ja: Man geht hin, weil man sich machtlos fühlt und kommt zurück, weil man gemerkt hat, dass alle anderen es auch sind.