Donald Trump und Angela Merkel gaben sich beim gestrigen Treffen im Weißen Haus sichtlich Mühe. Merkel brachte ein Gastgeschenk aus der Heimat von Trumps deutschen Vorfahren mit und tat das, was der US-Präsident am besten findet: Sie lobte ihn, wenn auch nur ein bisschen. Und Trump lobte Merkel, versicherte ihr, dass "unser Bündnis stark" sei und dass er ihr – zumindest beim gemeinsamen öffentlichen Auftritt – keinerlei Vorwürfe beim Handelsstreit mache.
Vor dem Hintergrund des prunkvollen und herzlichen Besuchs von Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron unter der Woche wirkte Merkels Arbeitsbesuch schon vorab wie eine zweitklassige Angelegenheit.
Kurz: Es war ein heikler Besuch von Angela Merkel bei Donald Trump. Sie wollten betont nett zueinander zu sein, aber seine Witzchen irritieren sie sichtlich. Das Treffen zusammengefasst:
Komplizierter wurde das Treffen durch den Umstand, dass aktuell viele Streitthemen zwischen Trump und Merkel, zwischen den USA und Deutschland zu klären wären. Im Handelsstreit droht Eskalation, Trump ist verärgert über Deutschlands Exportüberschuss in die USA, Merkel besorgt über Trumps mögliche Aufkündigung des Iran-Abkommens.
Zudem stimmt die Chemie zwischen Merkel und Trump nicht. Trump sah Merkel, die nach dessen Wahlsieg zur neuen Anführerin der freien Welt hochgeschrieben wurde, anfangs als echte Rivalin – bis diese sich zurückzog und monatelang nicht mit Trump sprach.
Das Treffen stand also von Anfang an im Krisenmodus: Nur keine Eskalation – und gute Stimmung verbreiten, lautete das Motto. Das merkte man im Weißen Haus während der gesamten Besuchszeit von 2 Stunden und 40 Minuten.
Es begann schon Minuten vor der Ankunft der Kanzlerin, als Trumps Pressestelle eine Mitteilung über die angeblich wunderbaren Beziehungen verschickte. Dort wurde Trump gar als "stolzer Enkel" eines deutschen Einwanderers bezeichnet – dabei tat Trump zu seinen New Yorker Zeiten jahrelang so, als stamme er von einem Schweden ab.
Merkel fuhr vor und bekam ein Küsschen – nicht wie Macron gefühlte 20 über drei Tage, aber immerhin. Im Oval Office gab es den Handshake für die Kameras, den Trump 2017 trotz Merkels Bitten verweigert hatte. Wieder ein Eklat abgewendet.
Merkel brachte einen Kupferstich aus dem Jahr 1705 mit, der die Heimatregion von Trumps Vorfahren – die Rheinpfalz – zeigt. Die Kanzlerin bot dem Präsidenten sogar an, ihm diese Ecke Deutschlands mal persönlich zu zeigen.
Ganz deutlich wurde die Strategie der vorsichtigen Annäherung auf der gemeinsamen Pressekonferenz im East Room, bereits in den Eingangsstatements, die die beiden Regierungschefs ablasen: Trump von Blättern, die in Großbuchstaben bedruckt waren, Merkel von handgeschriebenen Notizen.
Merkel versuchte es mit Themen, von denen sie hoffen konnte, dass sie Trump emotional ansprechen: Sie betonte die zahlreichen Verbindungen durch in Deutschland stationierte US-Soldaten (Trump liebt das Militär). Sie gelobte, Trumps frisch bestätigtem Botschafter Richard Grenell einen herzlichen Empfang zu bereiten. Sie lobte Trumps Steuerreform.
Trump wiederum lobte Merkel. "Angela vertritt Deutschland, sie macht einen fantastischen Job." So weit, so gut. Und dann ergänzte Trump: "Aber wir werden Euch einholen." Ein typisch Trump’scher Spruch. Aber Merkels Miene war plötzlich sichtlich gequält.
Dies war auch der Fall, als Trump von einem US-Journalisten nach seinem Leibarzt Ronny Jackson gefragt wurde (den Trump zum Minister machen wollte, der sich aber am Donnerstag davon zurückzog.) Trump lamentierte wieder einmal darüber, wie gemein der Politikbetrieb zu seinen Leuten sei und sagte, während er sich zu Merkel drehte: "Washington kann ein sehr fieser Ort sein. Aber das wissen Sie nicht, Kanzlerin." Merkels Blick: wieder gequält.
Wenn man direkt vor den beiden saß, konnte man die missmutigen Blicke der Kanzlerin kaum übersehen.
Solche Momente verraten viel. Oft schaute Merkel zu Trump, und Trump zu Merkel, doch ihre Blicke trafen sich nur selten. Und Merkel bemühte sich offenkundig nicht – oder sie schaffte es zumindest nicht – ihre Meinung zu Trump allzu sehr zu verbergen.
Außer allerlei netter Gesten und Worte brachte das Treffen also keinerlei neue Dynamik in die Beziehungen zwischen Trump und Merkel, ins aktuell schlechte deutsch-amerikanische Verhältnis oder in die Streitthemen mit potentiell weit reichenden Folgen.
Es wirkte, als ob Merkel Trump bereits aufgegeben hat und ihn eher belustigt betrachtet. Frei nach dem Motto: Man kann ihn eh nicht umstimmen, warum dann großartig Mühe verschwenden.
Positiv betrachtet wurde ein Eklat abgewendet, das Verhältnis stabilisiert. Die Bundeskanzlerin ist nicht eingeknickt. Der Besuch machte aber auch deutlich, dass Merkel und Trump in zwei völlig verschiedenen Welten leben.
Was das für Deutschland bedeutet, bleibt offen. Nähere Erkenntnisse gibt es dann, wenn die kommenden Deadlines ablaufen, für Trumps Strafzölle am 1. Mai und für den Iran-Deal am 12. Mai. Oder bei der nächsten Deutschland-Kritik per präsidialem Tweet.
Dieser Text erschien zuerst auf t-online