Kind + 1 Elternteil = Armutsformel Deutschland

02.08.2018, 20:04

Die Wirtschaftt brummt. Deutschland geht es gut. Aber besonders eine Gruppe hat davon relativ wenig. Alleinerziehende und ihre Kinder sind in Deutschland nach wie vor überdurchschnittlich stark von Armut bedroht. 

Das sagt die sogenannte Armutsgefährdungsquote. Sie lag für Menschen in Alleinerziehenden-Haushalten 2016 bei 33 Prozent und damit rund doppelt so hoch wie im Bevölkerungsdurchschnitt. Das Statistische Bundesamt hat die Zahlen dazu an diesem Donnerstag vorgestellt.

Für das Jahr 2017 gilt:

  • In Deutschland lebten 1.5 Millionen Alleinerziehende – 200.000 mehr als noch vor 20 Jahren.
  • Damit gibt es in rund jedem fünften Familienhaushalt nur einen Elternteil, in neun von zehn Fällen handelt es sich um eine alleinerziehende Mutter.
  • 2.4 Millionen Kinder wachsen in einem Haushalt mit einem alleinerziehenden Elternteil auf.

Im Alltag stoßen Alleinerziehende oft auf Schwierigkeiten: 

"Alleinerziehende und ihre Kinder sind überdurchschnittlich häufig armutsgefährdet."

Das sagt der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Georg Thiel, bei der Vorstellung des Berichts "Alleinerziehende in Deutschland 2017" in Berlin. "Finanziell stehen sie nach wie vor oftmals schlechter da als Menschen, die in anderen Familienformen leben."

  • So liegt das Pro-Kopf-Einkommen in Haushalten von Alleinerziehenden um knapp ein Fünftel niedriger als in Haushalten mit zwei Erwachsenen.
  • Zwei Drittel der Menschen in Alleinerziehenden-Haushalten (63 Prozent) hatten 2016 nicht die finanziellen Mittel, unerwartete Ausgaben von etwa tausend Euro zu bestreiten.
  • Das sind mehr als doppelt so viele als im Bevölkerungsdurchschnitt, wo die Quote bei 30 Prozent liegt.
  • 39 Prozent der Alleinerziehenden und ihrer Kinder konnte es sich auch nicht leisten, mindestens eine Woche pro Jahr in die Ferien zu fahren. Im Bevölkerungsschnitt sind es lediglich 19 Prozent.

Gleichwohl sank die Armutsgefährdungsquote von Menschen in Alleinerziehenden-Haushalten in den vergangenen Jahren deutlich, von 37 Prozent im Jahr 2011 auf 33 Prozent (Bevölkerungsdurchschnitt: 16 Prozent) im Jahr 2016.

"Die familienpolitischen Maßnahmen greifen in diesem Bereich."
Georg Thiel

Zu der positiven Entwicklung dürfte auch die gute wirtschaftliche Lage beigetragen haben.

Allerdings ist es gerade auf dem Arbeitsmarkt schwierig für alleinerziehende Mütter. 27 Prozent von ihnen waren 2017 ohne Beschäftigung. Mehr als die Hälfte davon – 55 Prozent – war aber an der Aufnahme einer Arbeit interessiert. Als Hinderungsgrund gaben die Frauen familiäre oder persönliche Gründe an, ein großes Problem sind fehlende Betreuungsmöglichkeiten für Kinder.

Zum Vergleich: Von den in einer Partnerschaft lebenden nicht-erwerbstätigen Müttern wollten nur 29 Prozent eine Arbeit aufnehmen.

Insgesamt habe sich die Lage der Alleinerziehenden in den vergangenen Jahren verbessert, konstatierte Thiel. "Da ist schon viel geschehen", sagte er und verwies unter anderem auf den Ausbau der Kinderbetreuung und bessere Angebote zur Teilzeitarbeit. Es gebe aber noch Luft nach oben: "Ich glaube, da kann noch mehr getan werden."

Reaktionen zur Armutsgefährdungsquote:

Der Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag, Dietmar Bartsch, forderte angesichts der Zahlen mehr Einsatz der Bundesregierung im Kampf gegen Kinderarmut. "Hier bedarf es größerer Anstrengungen, als im Koalitionsvertrag vereinbart worden ist", sagte Bartsch der Frankfurter Rundschau. Er warb für eine Kindergrundsicherung.

Die Präsidentin des Sozialverbands VdK, Verena Bentele, warnte, trotz Verbesserungen bleibe die Situation Alleinerziehender "prekär". Sie forderte eine bessere und bezahlbare Kinderbetreuung und familienfreundliche Arbeitszeitmodelle.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey verwies auf die im Koalitionsvertrag vereinbarte Reform des Kinderzuschlags. "Er soll gerade Alleinerziehenden künftig mehr zugutekommen." Mit dem Gute-Kita-Gesetz investiere der Bund zudem zwischen 2019 und 2022 zusätzlich 5.5 Milliarden Euro in die frühkindliche Bildung, erklärte Giffey.

(ts/afp)

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