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Analyse

Spiel des Lebens – die 9 Zockertypen beim Asylgipfel in Brüssel

27.06.2018, 15:0829.06.2018, 08:00

Krisengipfel haben etwas von einem Brettspiel mit besonders hohem Einsatz. Einige wenige Politiker streiten dabei am Verhandlungstisch um die Schicksale zahlloser Menschenleben.

Auch wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel sich am Donnerstag mit 16 Regierungschefs Europas in Brüssel trifft, geht es um die richtigen Züge, die richtigen Strategien – und um die Ziele der Spieler selbst.

Wenn der Asylgipfel ein Gesellschaftsspiel wäre, er hieße  wohl "Spiel des Lebens" oder "Europa, ärgere dich nicht." 

  • Ersteres, weil die Staatschefs darüber bestimmen werden, was mit den Leben der Flüchtenden passiert, die an der EU-Grenze ankommen.
  • Letzteres, weil jeder Teilnehmer des Gipfels versuchen wird, seine Figuren so schnell wie möglich ins Ziel zu bringen. Auch auf Kosten der anderen Mitspieler.

Aber wer spielt da eigentlich nach welchen Regeln? Wer kann schlecht verlieren, wer hat nichts zu verlieren, und wer nervt alle Mitspieler?

Lasset die Spiele beginnen!

Deutschland – die Hauptgegnerin

Angela Merkel ist die Spielerin, auf die sich von Anfang an alle eingeschossen haben. Sie hat das europäische Spiel jahrelang dominiert, etwa als Deutschland den anderen in der Wirtschaftskrise einen strikten Sparkurs verodnete. Wenige gönnen ihr einen weiteren Sieg, einige wollen ihre Niederlage.

Gleichzeitig hat sie viel zu verlieren. Merkel weiß, bei diesem Spiel geht es für sie um alles: Während die anderen für Wahlversprechen spielen, spielt sie um ihr politisches Schicksal. Bei ihr geht es darum, Zuhause die Regierung zu halten – und das macht es schwieriger. 

Während sie früher als starke Spielleiterin die Regeln in Europa bestimmen konnte, will ihr Horst Seehofer Zuhause jetzt die Strategie vorgeben. Ihre Möglichkeiten sind deshalb begrenzt – weil sie getrieben ist, können die anderen munter aufspielen. 

Deswegen werden die anderen Regierungschefs in Brüssel  eben nicht mehr einfach so mitmachen, was Merkel vorgibt. Kaum einer will noch die Karten mit ihr tauschen, keiner die Würfel teilen – nicht ohne Gegenleistungen zumindest.

  • Sie will: eine Verteilung der Flüchtlinge auf die EU-Staaten und ein Abkommen zur Rücknahme von Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen und bereits in einem anderen Land, etwa in Italien, einen Asylantrag eingereicht haben.
  • Passt zu: "Dungeons&Dragons". Hier könnte sie als Spielleiterin bestimmen, was dem Rest der Spieler passiert. Sie würde sagen, welche Monster es zu bekämpfen gilt und wo die Schätze begraben liegen. Aber auch bei Dungeons&Dragons gibt es diesen Spruch: "Eine Heldengruppe macht immer genau das Gegenteil von dem, was ihr Spielleiter eigentlich will."

Italien – Der Trotzspieler

Italien und sein Ministerpräsident Giuseppe Conte sind klassische Gegenspieler. Er ist frisch im Amt, vertritt eine rechte Regierung in Europa, die liefern muss. 

Verlieren kann Conte dabei kaum, denn seine Wähler erwarten eigentlich nur eins: eine Gegenhaltung zu Merkel und weniger Flüchtende. Er wird deswegen trotzig spielen, lieber gegen die anderen, als mit ihnen.

Er kommt überhaupt nur zum Spieleabend, wenn er die Regeln mitbestimmen kann und ihm auch etwas geboten wird. Ein EU-Hilfspaket zum Beispiel.

  • Er will: sofort eine Großlösung und kommt vorbereitet mit einem 10-Punkte-Plan nach Brüssel. Er will das Dublin-System abschaffen. Geflüchtete sollen am besten gar nicht erst europäischen Boden betreten. Conte plädiert für "sichere Häfen" im Mittelmeer. Sein Innenminister Matteo Salvini will sogar "keinen einzigen mehr aufnehmen."
  • Passt zu: "Mensch ärgere dich nicht". Im Grunde will Conte nur vier Figuren zusammenbekommen, um die anderen zu besiegen. Er feiert sich hart über jede "6", die er würfelt. Und er liebt es, die anderen Figuren zu schlagen. Jetzt ärgere dich doch nicht so Angela Merkel.

Spanien – Der Regeltreue

Wie nervig! Bei jedem Spiel gibt es jemanden am Tisch, der sich selbst päpstlicher gibt als der Papst. Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez ist der Gute, hält sich peinlich genau an alle Regeln, holt im Zweifelsfall die Spielanleitung raus.

Damit nervt er vor allem die, die um jeden Preis die Regeln für sich biegen wollen. Der Spielleiterin dürfte er ein treuer Spielgefährte sein, weil er auf Fair-Play setzt und sich nicht auf eine "Hauptgegnerin" einschießt. Man wird noch öfter zusammen spielen, glaubt Sánchez, und seine Fairness wird sich auszahlen.

  • Er will: Geflüchtete großzügiger aufnehmen als bisher, hat bereits die "Aquarius" mit 630 Migranten ankommen lassen. Auch er würde finanzielle Hilfe aus Brüssel dafür bekommen.
  • Passt zu: "Scrabble". Wenn man bei einem Spiel genau sein kann, ist es das Brettspiel "Scrabble". Man legt Worte und bekommt unterschiedliche Punkte dafür – Abweichungen gehen gar nicht! Entweder das Wort existiert im Duden oder eben nicht. So sind die Regeln! Und wer penibel und mit Taktik auf die dreifachen Wortwerte spielt, der hat am Schluss das Meiste davon.
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Hier gelten noch Regeln!
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Frankreich – Der Turnierspieler

Hier haben wir den Kämpfer, der auf Allianzen setzt, anstatt sich im Alleingang durchzusetzen.

Staatschef Emmanuel Macron will nicht das Spiel gewinnen, sondern das Turnier – und das spielt er gegen die großen Gegner dieser Welt und nicht mit seinen europäischen Partnern. Die braucht er, um wettbewerbsfähig zu sein.

Er braucht eine gute Spielleiterin, er braucht auch die Konkurrenten, damit sein eigener Erfolg auf lange Sicht garantiert ist.

  • Er will: Hilfe bei seinen Reformplänen. Dafür kann Merkel auf ihn zählen, Macron hat bereits zugesagt, dass er in Frankreich registrierte Geflüchtete wieder zurücknehmen wird. Mit Italien hat er bereits 1997 ein Abkommen zur Rücknahme von Geflüchteten geschlossenen.
  • Passt zu: Wenn man "Tabu" als Turnier spielen könnte, Macron wäre gerne Weltmeister. Im Spiel geht es um Kommunikation, Schnelligkeit und nur zusammen ist man stark.

Griechenland – Der Pragmatiker

An jedem Spieltisch gibt es jemanden, der mit einer gewissen Ernsthaftigkeit dabei ist. Alex Tsipras ist an diesem Asylgipfel-Tisch unser Pragmatiker. Bei Witzen lacht er kurz auf und schaut dann wieder auf den Tisch. Er darf jetzt nicht abgelenkt werden. Hier geht's um Konzentration – und wenn die Hauptgegnerin seine Hilfe will, muss sie dafür das Portemonnaie aufmachen.

  • Er will: Mehr Geld. Tsipras wird sich einer Lösung kaum verweigern, will aber mehr Investitionen in sein Land. Deswegen wird er bei so ziemlich jedem Spiel mitspielen.
  • Passt zu: "Monopoly". Es wird um Geld gespielt, man muss neue Straßen kaufen, und einer darf die Bank sein. Am liebsten würde Tsipras sofort auf Los vorrücken und die 8.000 einstreichen.
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Ruhig bleiben.
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Bulgarien – Macht seine eigenen Regeln

So sicher es bei jedem Spieleabend jemanden gibt, der sich peinlich genau an die Regeln hält, gibt es genau so diesen einen Mitspieler, der einfach seine eigenen Regeln macht: "Ja, aber gilt das nicht auch? Bei uns wird das aber so gespielt". 

Italien versucht es mit eigenen Auslegungen der Regeln, Bulgariens Regierungschef Bojko Borissow ist in diesem Spiel der Mitspieler mit den völlig eigenen Sonderregeln.

  • Er will: eigene Vorschläge durchsetzen. Der Balkanstaat ist derzeit EU-Ratspräsident und hat für den EU-Gipfel in der kommenden Woche eigene Vorschläge zur Asyl- und Migrationspolitik angekündigt. Details wurden nicht genannt. Bulgarien ist Transitland – Flüchtlinge wollen selten dort bleiben. 
  • Passt zu: "Asse ziehen" Ja, beim Trinkspiel darf der Spieler, der ein Ass zieht eine neue Regel aufsetzen. Das Problem: Am Schluss sind alle betrunken und schaffen es sowieso nicht mehr, sie zu befolgen.

Österreich – Der Trickser

Was wäre ein Spiel ohne einen, der schummelt. Am Spieltisch sitzt immer einer, der mit süffisantem Lächeln an seinem Getränk nippt und dabei eine Spielfigur unter dem Tisch verschwinden lässt oder eine zusätzliche Karte im Ärmel hat. Er hat eigentlich wenig Chancen, will aber um jeden Preis gewinnen. 

Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz ist an unserem Spieleabend der Trickser, der ab und zu auch mal blufft, damit die führende Spielerin weniger Chancen bekommt. Das Ziel? Selbst der Große sein, um seine eigenen Regeln zu machen. Ein Vorab-Treffen mit dem deutschen Innenminister Seehofer könnte da schon sehr hilfreich sein, um die Karten zu zinken.

  • Er will: Grenzschutz und Soldaten, die künftig die EU-Außengrenze sichern. Die Grenzen auf der so genannten Balkanroute von Griechenland über Mazedonien und Serbien ließ er noch als Außenminister abriegeln. Sein Ziel: Ankerzentren für Flüchtlinge in Nordafrika, wer dort kein Asyl erhält, bekommt keinen Passierschein für Europa. Er sieht für sich jetzt die Chance, die von ihm geforderte Wende in der Asylpolitik durchzuführen.
  • Passt zu: "Poker". Beim Kartenspiel geht es um Strategie, Risiko und darum, auch mit schwachem Einsatz viel gewinnen zu können. Bluffen und leicht schmutzige Kartentricks sind hier essentiell. Vielleicht hat er keine gute Hand, aber er will die Kohle.

Niederlande – Der Vermittler

Der moderate Spieler, der sich aus allem ein wenig raushält und auch nicht unbedingt gewinnen muss. Lieber erinnert er alle daran, dass man beim Spielen doch vor allem Spaß haben sollte und zusammen ist. 

Niederlandes Ministerpräsident Mark Rutte sieht sich als ein Vermittler zwischen den Staaten und Spielern. Er vertritt Positionen von allen Seiten.

  • Er will: keine Einführung von Grenzkontrollen, schon alleine da dadurch der Handel belastet werden würde. Aber er will auch nicht, dass die Hauptlast auf Deutschland, Schweden und den Niederlanden liegt. Rutte ist deswegen für Asylzentren außerhalb der EU, auch wenn das mehr Geld kostet. Gleichzeitig erinnert er aber alle Teilnehmer an "europäische Werte" und pocht auf Zusammenhalt.
  • Passt zu: "Siedler von Catan". Hier kann Rutte Ressourcen ansammeln und großzügig mit allen tauschen. Er könnte die Häfen besetzen und den Händler bei sich haben und alle hätten Spaß. Würden die anderen nicht alle versuchen, die längste Handelsstraße zu bekommen, es gäbe eigentlich keine Probleme. 

Ungarn – Der Spielverderber

Man hat ihn eingeladen, aber er kommt einfach nicht. Zu jedem Spieleabend gehört natürlich auch derjenige, der kurz vorher absagt. Die Spieleauswahl passt ihm nicht, außerdem sind die Gäste auch nicht der Kracher und überhaupt, wieso spielen wir überhaupt in Brüssel und nicht bei mir?

Ungarns Regierungschef Viktor Orbán hat einfach keine Lust, mitzuspielen, obwohl er eigentlich auch gewinnen will. Vor allem gegen Merkel.

  • Er will: wie Sebastian Kurz in Österreich auch Asylzentren in Nordafrika und strikten Schutz der EU-Außengrenze.
  • Passt zu: "Verstecken" spielen. Und sieht ihn jemand irgendwo?
Haben wir noch ein Spiel vergessen? Schreibt es uns in den Kommentaren

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